Typografie und Gestaltung zwischen 2000 und 2020

Eine Umfrage

Es gibt viele Gründe, weshalb ich so oft von wichtigen, für die Typografie wesentlichen, historischen Ereignissen spreche. Da sind die Bücher des 16. und 17. Jahrhunderts oder des Klassizismus, aber vor allem die 20er Jahre des letzten Jahrhunderts mit dem Aufbruch zu einer neuen Typografie oder der Einfluss der Schweizer Typografie in der Jahrhundertmitte. Heute geht es aber um typografische Tendenzen unserer Zeit. Und dazu habe ich eine spontane Umfrage gestartet. Spontan waren auch die Antworten. Natürlich ist das statistisch gesehen keine repräsentative Umfrage.

Die Frage in der Umfrage lautete:

Was sind für Sie die wichtigsten oder eindrücklichsten Tendenzen in der Typografie von etwa 2000 bis heute? Gestaltung, Layout, Schriften.

 

Schon stecken wir erst einmal im wichtigen Vorfeld. Gerd Fleischmann, über drei Jahrzehnte lehrte er Typografie an der FH Bielefeld, verweist auf ein Gespräch von Barbara Junod (Museum für Gestaltung, Zürich) in der »Page« vom  25.1.2010:

»Während des ersten und zweiten Weltkriegs suchten viele gut ausgebildete Künstler und Gestalter aus den benachbarten Ländern Zuflucht in der Schweiz. Als Überlieferer der in politische Missgunst geratenen Moderne waren sie an der Herausbildung eines ›Schweizer Stils‹ (Raster-Layout, serifenlose Schrift, asymmetrische Komposition) maßgeblich mitbeteiligt. Genannt seien hier der deutsche Typograf Jan Tschichold, Verfasser der wegweisenden Publikation ›Die neue Typographie‹ von 1928 und der deutsche Fotograf Anton Stankowski, Meister der Fotomontage«. Dieser Einfluss war für einen internationalen Stil maßgebend. Fleischmann weist noch auf die Zeitschrift »ulm« der hfg Ulm hin und dass damit ein Zusammenhang zum bauhaus bestand.

 

Da sind wir aber erst wieder bei der Geschichte der Typografie. Tendenzen der Zeit wurden von mir in Vorträgen zum 20. Jahrundert dargestellt wie:

bauhaus,

Aufbruch der Buchgestaltung in den 20er Jahren,

Typografie der zwanziger und dreißiger Jahre,

die besseren fünfziger Jahre,

sechziger und siebziger Jahre, wie sich einiges etablierte,

neue Umbrüche der achtziger und neunziger Jahre.

 

Und da ist wirklich viel passiert und das sollte im Blickfeld bleiben.

Aber was geschieht heute im deutschsprachigen Raum in den Bereichen Gestaltung, Typografie und Mikrotypografie, sowie der Satzschrift (Font)?

 

Typografie und Gestaltung

Alexandra Stender ist Herstellungsleiterin des Suhrkamp Verlags Berlin und meint: » … dass Typografie einen leider immer geringeren Stellenwert hat. Die ›kann ich ja selbst‹-Tendenz nimmt stetig zu und auch die Wertschätzung von gutem Satz sinkt. Noch konkreter, der automatische Satz, mit allen seinen Schwächen, kommt bereits zum Einsatz. Und kaum einer bemerkt es«. 

Sonja Knecht (Texterin, Text-Coach, Autorin) sagt ganz lapidar:

»Erster Trend: Dilettantismus; Im Guten: Es gibt mehr Experiment. Im Schlechten: weniger Expertise«.

Michael Lang, Graphik-Designer und Gestalter sieht  sogar » … in letzter Zeit wenig hochwertig gestaltete Broschüren mehr, ich denke das Medium stirbt aus. Werbung ist Agentur-Massenware. Layoutanordnung schematisch, im Rahmen der üblichen Satzkonventionen«. 

Michael Bundscherer (Typograf, Fotograf in München) sieht dagegen: 

»Typografie als selbstständiger Design-Stil, [die] auch von Laien „erkannt“ wird; z.B. betont große Schriftgrade«.

 

Die typografischen Details sind sehr wichtig und werden deswegen auch dementsprechend betrachtet. Alexandra Stender: » Ich merke …, dass Graphiker zwar gerne Versalsatz einsetzen (besonders auf Umschlägen), am Ende aber ›vergessen‹ die Schrift richtig auszugleichen. Oder man gleicht auch gerne zu viel aus. Das Gefühl für eine gute Harmonie und Balance ist vielen abhanden gekommen«.

Michael Lang ergänzt, dass es eine  Versalsatzmanie gibt, wobei nicht mehr nur Headlines, sondern auch längere Texte oder Bildunterschriften in 6 Punkt aus Versalien gesetzt werden und glaubt, dass das inzwischen ganz unbewusst läuft.  

 

Und da ist gleich die Blocksatzmanie zu nennen: »Headlines werden als senkrechte Blöcke (2-3 Buchstaben) untereinander gesetzt, weil es ›die Komposition‹ so ›erfordert‹. Lesbarkeit wird in unglaublichem Maße dem Formalismus geopfert«, so Michael Lang. 

 

Schrift

Im Bereich der Satzschriften wird der technische Fortschritt positiv bewertet wie OTF, variable Fonts, Pixelfonts, Satz-Automatisierungen, GREP, oder die Endtechnisierung bei Handschriftfonts, Lettering, experimentale Display-Schriften, Wiederentdeckung von Schriftformen von 1920–1960, zeitweise auch gebrochene Schriften, so Michael Bundscherer. Aber auch ein Minimalismus im Flat-Design mit dem immer selteneren Einsatz von Serifen-Schriften und aktuell die überall sichtbaren geometrischen Serifenlosen.  Clara Weinreich von slanted lobt den sehr guten Sprachausbau von vielen neuen Schriften, die »einen weltoffenen Umgang mit Schrift und Sprache« ermöglichen. »Und … den enorm wichtigen Bereich der für Web optimierten Schriften. Angefangen mit Pixelschriften bis hin zu den ersten wirklich benutzbaren Variable Fonts heute«.

Manche, wie Michael Lang, sehen keine Tendenz, da die Fülle der neu hinzugekommenen Schriften unübersehbar wurde. Oliver Linke, Lehrer für Typografie und Mitinhaber der Lazydogs schreibt: » Offenbar ist die geometrische Serifenlose das Non plus Ultra in allen Bereichen. Non plus Ultra heißt hier übersetzt ‹Pest‹». Die Page hat kürzlich gepostet, was dieses Bild laut Oliver Linke total bestätigt

[https://page-online.de/typografie/die-11-lieblingsschriften-von-designern/.

»Von den 13 ›Lieblingsschriften‹ sind 6 geometrische Serifenlose.

Ja, gibt es denn gar nix anderes mehr …! Wollen wir jetzt plötzlich, dass alles gleich aussieht? Und finden wir jetzt plötzlich, dass geometrische Serifenlose für Mengensatz bestens geeignet sind? Heißt Modernität in der Schriftwahl, dass wir für immer in den 20er/30er Jahren bleiben?«  Ein Trost immerhin: Auf Platz 1 dieser Lieblingsschriften steht die FF Franziska, eine der bemerkenswerten neueren Textschriften, eben mit Serifen. 

 

Die Page-Liste zum Vergleich:

FF Franziska

Euclid Flex

FF Mark

Logo-Schriftzug »Die Freundin«

Macula

FF Zine

PTL Superla

Nocturno

Azo Sans

Urge Text

Malabar

Neutraface

Gustavs Handschrift

 

Clara Weinreich meint zwar dass  »es durch den einfachen Umgang mit Gestaltungssoftware immer mehr unabhängige Designer gibt, die Schriften gestalten können. Dadurch wird das Feld offener und ist mehr inspiriert von zeitgenössischen Tendenzen. Daraus entstehen immer mehr Displayschriften, die vielleicht nicht mit ihren technischen Details oder ihrem Glyphenausbau inspirieren, sondern mit ihrer Kreativität und Neuartigkeit«.

 

Typografie und Moden

Michael Wörgötter: »Das epidemische Aufkommen all dessen, was mit Handschrift, Schreibschrift, von Hand gemachter Schrift (geschnibbelt, gekratzt, gepinkelt, …) zu tun hat. Ich erinnere mich dazu an die allerersten Bücher aus den USA ca. um die Jahrtausendwende. Auch die Sachen von Sagmeister sind da ins Bewußtsein gekommen. Das geht natürlich einher mit dem großen gesamtgesellschaftlichen Trend zum ›authentischen‹,  Sperrmüllmöbel in den Cafés, Kresse auf dem Dach, selbstgemachte Marmelade. Und gefühlten 50 Magazinen, die Landlust, Landfrau, Landleben oder so heißen. Jugendbewegung in den 20er Jahren, Pinselschriftplakate/Schutzumschläge in den 50ern, Ökobewegung in den 80ern, neue Romantik der 2010er Jahre. Wird auch bald wieder vorbei sein.

Das »Ableben« von David Carson und seiner Adepten seit 2000. Heute ist das weg, als [ob] nie was gewesen wäre. ›The End of Print‹ fand dann doch (noch) nicht statt. Editorial ist wieder so, daß man es lesen können will, aufgeräumt, schweizerisch. Man muss sich nicht mehr für einen Gestaltungsraster schämen.

Dafür dann die Wiederentdeckung der fanzines, graphzines, magazines, artist books. Eine Riesenszene von Machern, komplett selbstausbeuterisch. Auch ein Grund: Ab ca. 2000 konnte man digital drucken lassen, online kalkulieren, Kleinstauflagen produzieren. Ein Riesensprung ins Selfpublishing«.

 

Typografie und Text

Spannend findet Sonja Knecht die Schnittstelle Typografie–Text.

Die » … wird fließender und selbstverständlicher. Immer mehr Menschen, zumal in gestalterischen Berufsfeldern, schreiben, texten, publizieren und gestalten diese Publikationen selbst. Ein Grund dafür ist die Notwendigkeit der Selbstdarstellung und Eigenwerbung, der Präsentation und Präsenz in digitalen Netzwerken (Stichworte Design Writing, Self Marketing) – schon in jungen Jahren, bei Studierenden. Ein weiterer Grund ist die Ergänzung klassischer Printmedien um Online-Redaktionen und Social-Media-Aktivitäten (Beispiel ZEIT online, DIE ZEIT auf Twitter). Mindestens basale Schreibkenntnisse auf der einen Seite (bei den Designern) und mikro-/typografische Grundkenntnisse auf der anderen Seite (bei Journalisten, Texterinnen, Redakteurinnen, Bloggern) sind unabdingbar«. Kritisch äußert sich Michael Lang und dass ihm unangenehm das ›Denglisch‹ auffiele wie shoppen, boost, kids, family, bikes, etc. was zunehmend die deutschen Wörter ersetzen würde. 

 

Typografie digital

Sonja Knecht: »Absurderweise wird Typografie bei Online-Publikationen und digitalen Anwendungen anders behandelt als im klassischen Print, nämlich weniger sorgfältig und weniger kenntnisreich). Dabei käme es jetzt darauf an, die klassischen Regeln der Typografie und Mikrotypografie im Netz zu etablieren. Aber der Wissenstransfer findet leider nicht oder nur wenig statt und gestaltet sich zäh. Stattdessen besteht die Gefahr, durch mangelnde Typografiekenntnisse bei Grafikdesignern und Programmierern, Web-Developern usw. und durch entsprechend mangelhafte Umsetzungen, dass etwa Zollzeichen sich als ästhetischer Standard etablieren. Schlechte Typografie wird womöglich Gewohnheit. Fazit: Gestalterische Fehlleistungen mögen zu neuen Ästhetiken führen, aber schlicht auch zu falschen, schlecht leserlichen und schlecht lesbaren Texten – aus Unkenntnis und/oder Bequemlichkeit („geht halt nicht anders“). Dass es anders geht, beweisen Menschen wie Frank Rausch: siehe seinen Vortrag auf der TYPO Berlin 2018, ›Die neue Typografie‹« und jederzeit nachvollziehbar auf seiner Wikipedia-Fassung ›V for Wiki‹.

 

Informationen über Typografie

Michael Wörgötter merkt an: »Vor 20 Jahren mußte man zu Kongressen fahren, in Ausstellungen gehen, in Archiven stöbern, um andere, neue (und auch alte) Gestaltung zu Gesicht zu bekommen. Heute kann ich die Welt der Gestaltung/der Gestalter komplett vom Rechner im Büro »bereisen«. Eine unfassbare Breite und inzwischen auch Tiefe der gesamten Designszene und auch Designgeschichte. … Allein zum Thema Schrift und Typografie könnte man jeden Tag 24 Stunden lesen und unausgesetzt neues finden und lernen«. 

 

Mein Fazit 

Die Behandlung der Mikrotypografie ist weiterhin enttäuschend. Enttäuschend deshalb, da es jetzt alle Mittel gäbe, das besser zu machen. Die Ausbildung an den Hochschulen hat einen bisher nie vorhandenen Umfang und theoretische Dichte. Warum werden elementare Kenntnisse der Typografie nicht gelehrt oder kommen sie bei den Studierenden nicht an? Die Buchgestaltung ist in vielen Standardreihen der Verlage viel besser geworden. Daneben gibt es als Spitze eine Menge gut und sorgfältig gestalteter Bücher; mehr als zuvor, wenn auch in kleinerer Stückzahl produziert. Veredelung (Lack, Prägung etc.) werden häufig übertrieben angewandt und werden als das Wichtigste verkauft und sollen so gesehen werden. Ein Blendwerk.

 

Im Gegensatz zu den 80er Jahren sehen Zeitschriften untereinander sehr ähnlich aus, sind generell langweiliger geworden (Ausnahmen gibt es zum Glück). Der automatisierte Satz kann nur so gut sein, wie man die Software auch mikrotypografisch gefüttert hat. Wissenschaftsbücher sind meistens steril und hilflos anhand ausgegebener Templates realisiert. Die Gestaltung von Zeitungen erlebt dank der vielen neuen Gestaltungskonzepte eine nie da gewesene interessante Vielfalt. Für Geschäftsberichte, Imagebroschüren wird viel Aufwand getrieben, wobei gerade hier die allgemeinen Moden und Mängel in der typografischen Qualität eben auch zur Anwendung kommen. Und das bei einer bisher beispielslos hohen Qualität von Vorstufe, Druck und Verarbeitung. Ich sehe in der Tendenz der Gestaltung keine Erscheinungen, die nicht schon vor dem Jahr 2000 vorhanden waren.

 

 

Die Aussagen der Umfrage gingen über Mail zwischen 6. und 15.November 2019 ein.

Nach ziemlicher Kritik im Seminar »Typografie intensiv« starten wir eine erneute Umfrage:

 

1. Was waren für Sie bedeutende Typografie-Arbeiten zwischen 2000 und 2020?

Und falls möglich:

2. Können Sie auch besonders schlechte Arbeiten nennen?

 

Für Antworten sind wir dankbar. 

Rudolf.Gorbach@Gorbach-Gestaltung.de