Interview mit Rudolf Paulus Gorbach

Über Typografie und Gestaltung

Interview am 24.07.2020 durch Lisa-Marie Nilles für ihre Bachelorarbeit im buchlabor bei Prof. Sabine an Hoef an der FH Dortmund.
Thema: kontext – Eine interaktive Informationssammlung zum analogen und digitalen Leseverhalten.


Um was es geht:
Lehre und Ausbildung von Gestalterinnen und GestalterKriterien für eine gelungene Gestaltung  »Hitler, Mein Kampf. Eine kritische Edition«  »Lesbar. Typografie in der Wissensvermittlung«  Fortschritt in der Leseforschung  Entwicklung des Leseverhaltens  Rolle der Gestaltenden.

 

Wie ist Ihre Begeisterung zur Typografie entstanden und was interessiert Sie an der Typografie speziell?

Die Begeisterung zur Typografie ist vor allem anhand der Schweizer Typografie der späten 50er Jahre entstanden. Ich war Buchdrucker, also Handwerker und Techniker und deshalb nicht in die Gestaltung involviert. Aber die Gestaltung hat mich schon sehr früh mehr fasziniert als die Technik und so habe ich immer beides betrieben. Damals war es möglich, Drucktechnik und Typografie zusammen zu studieren. Das waren noch ganz andere Voraussetzungen als heute, da es Fachhochschulen noch gar nicht gab. Mit diesen Kenntnissen bin ich ganz zielstrebig auf meinen Weg gegangen – ich wollte Bücher machen. Buchherstellung war damals eine gute Möglichkeit beides verbinden zu können: Gestaltung und technische Durchführung. 

Meine erste Berufsstation war der Insel Verlag. Danach war ich Herstellungsleiter in einem Bildband-Verlag. Die verwendete Drucktechnik war Bogentiefdruck, ein inzwischen nicht mehr vorhandenes Druckverfahren. Internationale Produktionen waren die Voraussetzungen, um mich relativ bald selbstständig zu machen und meine Expertise als freier Buchhersteller den Buchverlagen anzubieten. Dieses Angebot gab es damals sonst noch nicht, ein Berufsmodell, das ich aus den USA kennenlernte und auf die Situation in Deutschland übertrug. Heute ist das Schaffen als Freiberufler in diesen Bereichen normal geworden. Aber damals war ich einer der ersten, der den Verlagen eine Herstellung außer Haus angeboten hat. Die Projekte, die ich dann als Selbstständiger produzieren und managen durfte, haben sich sehr schnell verdichtet. Deshalb arbeitete ich mit großen Teams zusammen. Dabei habe ich dann immer wieder gesehen, dass Gebrauchsgrafikerinnen oder Gebrauchsgrafiker (wie sie zu dieser Zeit noch genannt wurden) in der Typografie oft recht mäßige Arbeiten lieferten. Deshalb wurde Typografie mein Hauptanliegen und ich trat damit auch auf.

 

Sie haben eine langjährige Erfahrung im Umgang, Studie und Lehre der Typografie. Inwieweit sind Sie heute in der Lehre und im Bereich der Buchgestaltung tätig?

In der Buchgestaltung bin ich nach wie vor tätig, wenn auch etwas reduzierter. Im Bereich der Theorien und der Lehre ist vor allem mein eigenes Seminar »Typografie intensiv« zu nennen, das ich vor 25 Jahren gegründet habe. Im April 2021 startet beispielsweise der 13. Kurs. 

Zuvor und gleichzeitig hatte ich verschiedene Lehraufträge erfüllt, war engagiert dabei und wollte hohe Qualität erreichen. Als Lehrbeauftragter fühlte ich mich von den Hochschulen ausgebeutet.

Der soziale, fachliche Aspekt spielt bei mir eine große Rolle: etwas zu erreichen, was die nächste Generation nutzen kann und dafür Voraussetzungen zu schaffen. Das war auch ein Grund, warum ich für die »Typographische Gesellschaft München« den Vorstand übernahm und die tgm elf Jahre leitete. Es war die Zeit des Übergang vom Fotosatz zum digitalen Satz, der im Verlagsbereich ein bisschen später als in anderen Bereichen stattfand. 

Dieses Engagement ging immer weiter, so wie mit dem Buchprojekt »Lesbar. Typografie in der Wissensvermittlung«. Seit Jahrzehnten beschäftige ich mich mit didaktischer Typografie und versuche in diesem Bereich etwas voranzubringen. Momentan gibt es noch eine anderes Engagement, wo Typografie eine große Rolle spielt, nämlich die Umsetzung von Leichter Sprache durch Typografie. Ein DIN-Ausschuss versucht für Leichte Sprache eine Norm zu schaffen. Und ich bin dabei (mit einigen wunderbaren Kolleginnen und Kollegen) ein Mindestmaß an klarer Typografie zu schaffen.

 

Inwieweit hat sich das Leseverhalten Ihrer Meinung nach in den letzten fünf Jahren verändert?

Insbesondere im Bezug auf das Leseverhalten analoger und digitaler Medien?

Ich unterscheide zwischen Viel-Lesenden und Kaum-Lesenden. Das triftet weit auseinander. Erstaunt erlebe ich im Grafikdesign recht häufig, dass Leute, die selbst kaum lesen und dadurch mit Inhalten wenig zu tun haben, Bücher gestalten wollen und dadurch zu sehr auf die Form schauen. 

Seit es so gut auflösende Bildschirme gibt und seitdem auch Typografie in einer bisher nicht gekannten Qualität möglich ist, sehe ich zwischen dem Analogen und dem Digitalen nicht mehr so sehr eine Grenze und großen Unterschied. Vor fünf Jahren hätte ich noch anders geantwortet und vor zehn Jahren hätte ich Ihnen wahrscheinlich gesagt, dass Lesen auf dem Bildschirm die Hölle sei.

 

Was sind für Sie Parameter für eine gelungene typografische Gestaltung im Analogen?

Die sehe ich typografische ganz klassisch. Die Schrift selbst, die Mikrotypografie, die Mesotypografie und die Makrotypografie. Diese Bereiche versuche ich im übrigen strenger einzuteilen. Das Handwerkliche ist eine absolute Notwendigkeit und das muss jemand, der mit Typografie gestaltet, »drauf haben«, sonst wird das nichts; gepaart mit der Gestaltung an sich, die funktionierend und attraktiv sein muss. Wenn das alles berücksichtigt  wird, klappt es gut.

 

Lassen sich diese Parameter in das Digitale übertragen oder welche Kriterien gelten hier zusätzlich, besonders oder anders?

Ich denke, dass sie sich heute gut übertragen lassen, weil es auch keine Hemmschwelle mehr gibt. Im Digitalen sehe ich den großen Unterschied nicht mehr, weil Lesen selbst und Lesbarkeit im Kern gleich funktionieren. Das hat mit unserem Gehirn und mit unseren Augen zu tun. Der Unterschied, ob ich digital auf dem Bildschirm lese oder auf dem Papier (was ich nicht gleichstellen will) ist nicht so groß.

 

Welche Aspekte der typografischen Ausbildung von Design-Studierenden sind Ihrer Meinung nach in der Lehre besonders wichtig? Welche Parameter versuchen Sie, allen Seminarteilnehmenden mitzugeben? 

Da ist zuerst die Basis-Typografie, die ich vorhin schon genannt habe. Eine Basis, die ich auch zugunsten anderer gestalterischer Aspekte, in meiner Ausbildung verstärkt habe. Wir haben leider gesehen, dass die auch bei Fachleuten oft fehlt. Insgesamt ist für mich das kulturelle Bewusstsein der Gestaltenden wichtig. Dazu gehört Schrift- und Mediengeschichte. Oft stelle ich ein großes Defizit fest, dass Seminarteilnehmende über die Geschichte der Gestaltung fast nichts wissen und daran auch nicht sonderlich interessiert sind. Und das versuchen ich aufzubrechen. Oft gelingt es, denn Schriftgeschichte erweist sich als sehr interessant, – historisch nicht trocken, sondern sehr lebendig. Der dritte Bereich, den ich ebenso für ganz wichtig halte, sind funktionelle Gestaltungsgrundlagen; vermitteln wie Gestaltung funktioniert. Dabei spielen auch psychologischen Aspekte mit rein.

Im Seminar vermitteln wir die Inhalte mit Vorlesungen, sehr vielen praktischen Übungen, die in unseren Seminaren eine große Rolle spielen, und durch die Diskussion darüber, worauf ich sehr viel Wert lege.

 

Woran glauben Sie liegt es, dass es Ihrer Meinung nach große Defizite in dem Basiswissen über typografische Gestaltung bei vielen Fachleuten gibt?

Die Anzahl der Fächer, die man im Bereich Kommunikationsdesign zu bewältigen hat, sind umfangreich geworden. Es kam so viel neue Technik dazu. Früher hat es die Setzerei und die Druckerei gegeben. Die haben dem Grafiker viel abgenommen und dadurch musste man sich nicht um alles kümmern. Heute muss man sich auch um Satz und Aufbau der Grafiken selbst kümmern. Damit besteht die Gefahr, dass andere wichtige Themen weiter wegrücken. Man darf auch nicht vergessen, dass manche meiner Kolleginnen und Kollegen über Jahrzehnte Typografie als nicht so wichtig erachtet haben. In der Werbung gab es mal den Ausdruck: »Jetzt haben wir alles fertig gemacht und jetzt packen wir noch die Typo rein!«. Da sieht man die geringe Achtung, aber auch den Fehler, dass man das, was am allerwichtigsten ist, nämlich die Information mit Sprache via Typografie zu vermitteln, eigentlich nicht begriffen wurde. Wobei ich gleichzeitig sehe, dass für viele der heutigen jüngeren Kolleginnen und Kollegen die Basis sehr präsent ist. Sie machen das sehr gut.

 

Wie kann aus Ihrer Sicht durch die typografische Gestaltung die Lesbarkeit von Texten in digitalen Publikationen, wie Apps oder E-Books, gesteigert werden?

Hierzu möchte ich ein schönes und sehr interessantes Beispiel von Frank Rausch erwähnen. Er hat für Wikipedia einen typografisch hervorragenden »Filter« aufgesetzt. Zudem beschreibt er detailliert die Qualität der analogen Typografie. Da ich selbst solche »Forschungen« von entsprechend guten Autoren nutze, will ich vor allem auf Rausch verweisen. Die Webseite »V for Wiki« ist sehr zu empfehlen. Ich hatte Frank Rausch das erste Mal vor einigen Jahren auf der »Typo« erlebt. Im Lesbar-Projekt in Wien war er auch einer der Referenten.

 

Welche Parameter zur Medienwahl in der Buchgestaltung sind für Sie generell ausschlaggebend, ob sie ein Buch analog oder digital andenken würden?

Ich denke ein Buch eigentlich immer erst mal analog an. In manchen Bereichen ist es jedoch so, dass schon von Anfang an eine digitale Umsetzung mit bedacht wird. Bei Textbüchern ist das unproblematisch, aber sobald es um kompliziertere Gestaltung geht, muss die Basis der Platform für Digital und Analog bereit sein. Das ist dann eine sehr reizvolle Möglichkeit, wobei Verlage (auch durch Marketingentscheidungen) diese Option nicht so viel nützen, wie es eigentlich möglich sein könnte.

 

Welche thematischen Inhalte sehen Sie eher in einer digitalen oder einer analogen Publikation?

In einer digitalen Publikation sehe ich vor allem kurzfristigere Inhalte. Beispielsweisel Magazine und Zeitungen. Die werden heute zum großen Teil hervorragend gestaltet. Wer aber das das Haptische mehr schätzt und ein »Raumerlebnis« bevorzugt, wird eine analoge Produktion bevorzugen.

 

Vor etwa drei Jahren habe ich Ihren Vortrag zu der Gestaltung von »Hitler, Mein Kampf. Eine kritische Edition« an unserer Hochschule gehört. Damals berichteten Sie von den Überlegungen, eine digitale Fassung der Ausgabe herauszubringen.

Gibts es heute eine digitale Fassung von »Hitler, Mein Kampf. Eine kritische Edition«?

Die gäbe es längst, aber im Institut für Zeitgeschichte gab es durch neue und wichtige Forschungsprojekte eine Verzögerung. Wir waren mit unserer Arbeit fast fertig. Die digitale Version gibt es, aber sie ist noch nicht veröffentlicht. Wobei die digitale Gestaltung ganz ähnlich aussieht wie die Gestaltung im Buch. Ich denke, dass die digitale Fassung in einem halben Jahr dann endlich öffentlich werden kann.

 

Was waren die Argumente für eine digitale Publikation?

Die Argumente sind die komfortable wissenschaftliche Arbeit. Wir hatten das gleich vorgeschlagen. Es wurde vereinbart, dass mit der digitalen Fassung erst begonnen wird, nachdem das gedruckte Buch vorliegt. Im übrigen hatte damals niemand mit so einer hohen Printauflage gerechnet (über 100 000 Anfang 2020). Die digitale Version wird übrigens kostenlos erscheinen.

 

Was war die größte Herausforderung bei der Konzeption und Umsetzung der digitalen Ausgabe?

Es war schon recht schwierig, nicht so zu erscheinen, wie im Allgemeinen Wissenschaft im Netz zu sehen ist. Da kommt es mir vor, als wären wir noch in MS-DOS Zeiten, so typografisch primitiv sehen die wissenschaftlichen Texte aus. Das wollten wir auf jeden Fall vermeiden und die Gestaltung so weit wie möglich an die Gestaltungsprinzipien der gedruckten Ausgabe anlehnen. Ich glaube, dass es uns auch gelungen ist. Zusammen mit der Firma le-tex in Leipzig konnten wir es gut lösen. 

 

Welche Kriterien waren für Sie bei der Schriftwahl zur Buchgestaltung »Hitler, Mein Kampf. Eine kritische Edition« ausschlaggebend?

Das war erst mal wie immer die Funktion, die Schrift  sollte sachlich, offen und deutlich sein. Das Zweite war ein historischer Bezug, der für mich in der Schriftwahl immer eine große Rolle spielt. Das war in diesem Fall besonders schwierig. Es sollte kein faschistischer Bezug vorhanden sein – ich war da viel strenger als das Institut. Bei der Suche nach der geeigneten Schrift ging es immer um eine große Schriftfamilie oder um eine Schriftmischung einer Serifenschrift gepaart mit einer Serifenlosen. Ich hatte über alle Schriften, die für uns in Frage kamen, umfangreich recherchiert. Wo kommt die Schrift her, was war damit, wie ist sie verwendet worden, ist sie missbraucht worden? Und so kam es auch, dass eine Schrift, die ich sehr schätze ausschied. Bei dieser Schrift gibt es eine »Querverbindung« zum Faschismus, den ich nicht hätte ertragen wollen.

 

Welche Schrift war das?

Das war die Trump-Mediaeval, eine sehr gute Text-Schrift. Ich schätze den Schriftgestalter Georg Trump sehr. Ich kannte ihn noch persönlich. Aber der Bezug zu ihm als Oberleutnant in der oberen Riege der Reichswehr, vertrug sich nicht mit dem Projekt.

Wir haben uns zwölf Schrift-Paare angesehen, überlegt, probiert. Mit vier verschiedenen Schriftkombinationen präsentierten wir die Basis der Inhaltsseiten, damit die wissenschaftlichen Mitarbeiter des Instituts sich das auch vorstellen können. Sehr schnell konnten wir die Scala von Martin Majoor bevorzugen. 

Es war sehr schön und beeindruckend mit einem sehr verständigen Kunden zusammen arbeite zu dürfen, der unseren Argumenten folgte. Wir brauchten hier Typografie nicht nur »verkaufen«, sondern konnten eine optimale Lösung bieten.

 

Sie sind der Mitherausgeber des Buches »Lesbar. Typografie in der Wissensvermittlung«, dass 2019 erschienen ist. Was unterscheidet Ihr Buch »Lesbar. Typografie in der Wissensvermittlung« im Vergleich zu anderen Werken zum Thema Typografie und Lesbarkeit?

Zu diesem Thema gibt es nicht sehr viel Bucherscheinungen. Zwar wird vermehrt in historischen Bereichen gearbeitet. Wir wollten einen Bezug zu unserer Zeit. So  konnten wir sogar an Hochschulen Initiativen bewegen, damit dort in die Details gegangen wird. Insofern passiert da etwas. Aber es gibt kein Projekt, das man vergleichen könnte. An den Themen der Aufsätze kann man sehen, dass wir eine breite Basis geschaffen haben, um die Diskussion und vielleicht auch Forschung anzuregen.

 

Das Buch umfasst unterschiedliche Beiträge von verschiedenen Expertinnen und Experten aus den Bereichen Gestaltung und Forschung im Kontext der Typografie und Lesbarkeit. Welche unterschiedlichen Rubriken wollten Sie mit den verschiedenen Experten-Beiträgen zum Thema Typografie und Lesbarkeit abdecken? 

In erster Linie war es der Wunsch, das Schulbuch in den Fokus zu stellen. Hier gelang ein Anfang. Das ganze Spektrum des Buches geht aber vom Schulbuch bis zum Wissenschaftsbuch. Ich glaube, dass didaktische Typografie immer dann eine Rolle spielt, wo wir etwas erreichen wollen, etwas gelernt werden soll. Das kann bis zum Geschäftsbericht gehen, der didaktische Aspekte beinhalten könnte. Der traditionelle typografisch hochwertige Geschäftsbericht, wie er in den letzten Jahren noch gedruckt wurde, wäre ebenso ein Ziel. Die typografische Didaktik reicht von der Grundschule und dem leichteren Lesen – womit ich mich jetzt gerade beschäftige – bis zu komplizierten Projekten, wie beispielsweise »Hitler, Mein Kampf. Eine kritische Edition«. Oder editorische Projekte die Friedrich Forssman gestaltet hat.

Die Arbeit wird weitergehen, denn wir fokussieren schon einige neue Themen, an die wir zuvor noch nicht gedacht haben. Durch die Arbeit am Lesbar-Projekt haben wir Verbindungen zu Leuten bekommen, die bereits im Schulbuch-Bereich geforscht und nachgedacht haben. Das Lesbar-Projekt war nicht als Reihe gedacht, aber es könnte auch einen weiteren Band geben.

 

Wie schätzen Sie rückblickend zum einen den Fortschritt in der Leseforschung und zum anderen die daraus resultierende Auseinandersetzung mit Typografie in dem Bereich der Buchgestaltung ein?

Positiv. Nachdem es in der Leseforschung eher ruhig zuging hat sich die Szene heute verstärkt. Aber manche Forschenden mussten ihre Arbeiten abbrechen, da  es keine Mittel mehr dafür gab. Der Themenkomplex wird als nicht so wichtig angesehen. Doch ist es spannend, dass sich andere Bereiche auch mit dem Lesen und der Typografie auseinandersetzen, wie in der Linguistik Aber ich bin nicht forschend, sondern nutze und »genieße« die Forschung.

 

Wie haben Sie über all die Jahre Ihrer Arbeit und daraus resultierenden Erfahrungen die Entwicklung des Leseverhaltens wahrgenommen? Lassen sich deutliche Veränderungen oder Beobachtungen in der Entwicklung des Leseverhaltens zeitlich einordnen?

Ich denke ja. Für mich gibt es verschiedene Zeitabschnitte. In den70er Jahren begann in der DDR die Arbeit mit der didaktischen Typografie. Der andere wichtige  Abschnitt ist vor allem der Umbruch in das Digitale. Weil das Lesen am Bildschirm so schwierig war, gab es erst mal zwei Parteien, die Gegensätzliches behauptet haben und das hat die Forschungslandschaft sehr begünstigt.

 

Wie würden Sie die Rolle der Gestalterin und des Gestalters im digitalen Zeitalter definieren und einordnen? Was sind heute die Anforderungen an Gestaltende und die damit einhergehende Ausbildung und Lehre?

Ich meine nach wie vor: Gestaltende haben eine dienende Funktion am Text und am Bild. Sie müssen Inhalte optimal rüberbringen. Insofern halte ich die Überbewertung, wie sie momentan im Kommunikationsbereich stattfindet, für völlig übertrieben. Gestaltende sollen den Leuten, die die Inhalte machen, sagen, wo es lang geht. Zwei sehr komplexe Gebiete, müssen miteinander verbunden werden. Wenn Lektorat und Gestalter oder die Herstellung im Verlag (oder Agentur) gut zusammenarbeiten, kann etwas Gutes entstehen. Zu den Anforderungen an die Gestaltenden, meine ich, dass die Ausbildung optimal sein muss und die Erfahrung eine große Rolle spielt. Eine praktische Erfahrung vor dem Studium wäre sehr vorteilhaft, weil eine praktische Vorstellung mit einem sozialen Arbeisterlebnis stattfände.

 

Zum Abschluss des Interviews würde ich Sie gerne noch vier allgemeinere Fragen zum Leseverhalten und dem Medium Buch stellen, die ich allen meinen Interviewpartnern und -partnerinnen stelle oder gestellt habe.

Lesen Sie selbst Bücher meist/lieber analog oder digital?

Eigentlich analog, aber ich scheue das Digitale nicht. Wenn beides zur Verfügung steht, bevorzuge ich das Analoge. Den Blick auf die Buchdoppelseiten, die Lesbarkeit und das Fühlen oder auch den Geruch des Buches schätze ich doch sehr. Im wissenschaftlichen Bereich arbeite ich am liebsten mit beiden Versionen, sodass ich das Digitale bereit habe, um zu switchen und Inhalte hin- und herzuschieben.

Anmerkungen mache ich sehr gerne altmodisch mit dem Stift, aber ich habe mich der Fülle wegen auch daran gewöhnt, dass ich digitale Notizen mache. Vertrauter ist mir aber, etwas auf ein Blatt, oder sogar ins Buch zu schreiben.

 

Haben Sie ein Lieblingsbuch, das für Sie durch zum Beispiel ein besonderes Konzept, eine gelungene Gestaltung oder durch eine innovative Umsetzung brilliert?

Mit einem Lieblingsbuch kann ich leider gar nicht dienen. Es gibt so viele Bücher, die ich gut gemacht finde und oder deren Inhalte mich faszinieren. Es gibt auch viele, die ich grässlich finde. Aber ich könnte mich jetzt nicht für eins entscheiden. Mir geht es da ähnlich, wie in der Musik, wenn jemand fragt, wer ist dein Lieblingskomponist. Schwer, bei so viel wunderbarer Musik!

 

Vielleicht tauschen wir das Wort Lieblingsbuch lieber durch Buchempfehlung aus?

Dann würde ich spontan eines aus dem Bereich der Lyrik nennen. Ein Buch aus den 50er: »Museum der modernen Poesie«, das Hans Magnus Enzensberger herausgegeben hat. Text und Originaltext stehen in einem sehr einfachen System beieinander. Das Konzept ist einfach und noch analog (Bleisatz). Aber das Buch hat eine besondere Atmosphäre. Das ist kein typografisches Prachtwerk, sondern hat eine einfache und doch hohe Funktion. Also ist es schon mal gar nicht ein gestaltetes Superlieblingsbuch.

Und was mir dann auch einfällt, ist der von Friedrich Forssman gestalteten »Zettel’s Traum« von Arno Schmidt. Oder auch den ersten typografisch inszenierten Roman »Schiff nach Europa« von Markus Kutter. Das sind drei Beispiele, die gehen von relativ einfach bis zu sehr kompliziert.

 

Welchen Einfluss haben Gestaltenden Ihrer Meinung nach auf das Leseverhalten der Menschen?

Einen großen, der im Unterbewussten stattfindet. Sobald die Gestaltenden versuchen, sich in Szene zu setzen, haben sie schon verloren. Denn dann wird etwas für die eigene Mappe und nicht für den Lesenden gemacht. Die Gestaltenden brauchen das Handwerk, um das zu vermitteln. Ihre Leidenschaft zur Buchgestaltung braucht aber eine gewisse Demut und Bescheidenheit. Trotzdem muss die Gestaltung sehr gut sein. Um diese gut machen zu können braucht man Basis-Kenntnisse der Typografie und Gestaltung. Ich glaube, das ist das Allerwichtigste dabei.

 

Wie sieht Ihrer Meinung nach die Zukunft des Buches aus?

Ich verfolge die Diskussionen sehr. Der Buch-Markt hat sich total verändert, die Auflagen sind kleiner, gegenüber früher sogar winzig geworden, Die Titelanzahl dagegen ist endlos. Es ist heute leichter, ein Buch zu machen, aber es ist etwas schwieriger ein Buch zu verkaufen. Insofern ist der Erfolg auch eine Marktfrage. Das Marketing, das ich kritisch beobachte, plädiert vielleicht für eine Vielzahl von Dingen. Ich meine hingegen, eigentlich müsste man die Titelzahl eher reduzieren und das herausbringen, was wirklich wichtig ist. Nicht alles, was man nur mal so halb ausgedacht hat, braucht als Buch zu erscheinen. Das gedruckte Qualitätsbuch hat eine gute Chance. Qualität und das Besondere sind wichtig. Aber das Besondere darf eben nicht einfach nur aus Gags bestehen. Textintensive Publikationen im wissenschaftlichen Bereich in Kleinstauflagen müssen nicht unbedingt gedruckt werden. Print-on-Demand ist eine alternative Möglichkeit. Und vielleicht ergibt sich hier mit der Zeit ja ein höherer Anspruch an Gestaltung und Produktion.

 

Die App der Bachelorarbeit ist nach Erscheinen der Arbeit beim Buchlabor der FH Dortmund im App Store kostenlos abrufbar.